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empfehlungen

15.05.10

die fünf elefanten des dostojewskijs

Fünf_Elefanten_bild_resize_2.jpg...befinden sich im arbeitszimmer swetlana geiers, in einem kleinen häuschen nahe bei freiburg. die aus kiew stammende übersetzerin russischer literatur ins deutsche, urgrossmutter einer schar russisch und deutsch sprechender nachkommen, widmet sich seit jahrzehnten russischer literatur und deren wiedergabe in deutscher sprache. seit 1992 konzentriert sie sich auf fjodor dostojewksij. dass ein film über ihre eigene person gedreht werden soll, versteht die alte dame nicht. was sei denn an ihr so besonders? ihr charakter spiegelt ihre aussage, eine gute übersetzung erkenne man, indem man sie nicht bemerke. zwei diktaturen prägten ihr leben. ihr vater, den das junge mädchen bis zum tod pflegte, erholte sich nie vom grauen der stalinistischen gefangenschaft. ihre beste freundin und nachbarin später von hitlers soldaten in kiew erschossen. 30.000 juden wurden hingerichtet, tagelang die schüsse vom stadtrand zu hören. flucht nach deutschland. und swetlana geier macht die erfahrung, dass sich in totalen systemen auch „menschen" finden. sie sehe den menschen, nicht die uniform. ein stipendium an der humboldt universität, als russin in deutschland, und fremdenpässe für sie und ihre mutter werden erstellt. der verantwortliche wird daraufhin an die ostfront geschickt und dessen ministerium politisch gesäubert.
die fünf elefanten trägt die kleine, gekrümmte frau in ihr zimmer und legt sie auf den tisch.
betrachtet den stapel, fünf große werke dostojewskijs (und die zugabe, „der spieler"), streicht sanft über ihn und meint, „man übersetzt es nicht ungestraft". das wichtigste merkmal des menschen sei sein bedürfnis nach freiheit, erkannte dostojewskij - wer kann das besser nachempfinden, als ein mensch, der stalins und hitlers macht schmerzhaft spürte. warum übersetzen menschen? es sei die sehnsucht nach etwas, dass sich ihnen immer wieder entzieht, dem unerreichbaren original. die übersetzung ist keine raupe, die von links nach rechts kriecht, erklärt sie später im film ukrainischen schülern, man muss sie „verinnerlichen", in einem tragen, vom herzen kommend wiedergeben. so wagte sie es auch titel dostojewskijs werken zu ändern - aus „schuld und sühne" wurde „verbrechen und strafe", aus „die dämonen" „böse geister", „der jüngling" wurde „ein grüner junge". man findet sich im haus swetlana geiers wieder, sieht wie sie den dingen des alltags genauso viel behutsamkeit entgegenbringt, wie den texten, wörtern, satzfragmenten. wie dem stoff beim bügeln die struktur wiedergegeben wird, die er beim waschen verloren hat. wie die zwiebel, deren schichten, jene der arbeiten dostojewskijs symbolisieren, eine geschichte in der geschichte die es zu erkennen gilt, die danach feingehackt im heißen öl der pfanne brät.
der sohn swetlana geiers aufgrund eines unfalls unerwartet im krankenhaus. halbseitig gelähmt. sie übersetzt nicht mehr, arbeitet nicht mehr. kocht für ihren sohn, bringt die mahlzeiten ans krankenbett. das filmprojekt erstarrt, doch soll dieses ereignis zu einer unerwarteten wendung führen. die erinnerung an ihren vater tritt zu tage, das pflegen, die einsamkeit in der datscha, während die mutter arbeiten muss. eine einladung der schulklasse in der ukraine an swetlana geier. und sie fährt. mit dem zug, die 85-jährige, weishaarige kleine frau und ihre enkelin. machen sich auf die suche ihrer vergangenheit. ein weiterer schicksalsschlag ereilt ihr leben, doch ihre freunde, die dame mit der schreibmaschine, die täglich morgens um 9 uhr auf besuch kommt und die diktierten wörter auf papier klopft, der musiker, der aufgrund eines infinitivs schon mal die kapitulation bekannt gibt, halten sie am leben. wenn dostojewskij ihr haus ist, sind sie dessen fenster und türen.

film: „die frau mit den fünf elefanten"
regie: vadim jendreyko

zu sehen im gartenbaukino, wien.

www.gartenbaukino.at

text: laura ari